August Beckers Dahner Felsenland
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„Dahn und sein Felsenland sind schon seit langer Zeit weit über die Felsen der Pfalz hinaus bekannt und berühmt. Spricht man von Großartigen und romantischen Felsenpartien, so muss die Umgebung von Dahn mitgenannt werden. Nirgends sind aber auch die Formen des Sandsteins kühner und abenteuerlicher, nirgends sind diese seltsamen Felsenbildungen so dicht beisammen, und nirgends ist der Gegensatz zwischen wilden, schauerlichen Felsenpartien und lieblichen und anmutigen Wiesentälern größer als in dem Dahner Tale. Dasselbe erstreckt sich in einer Länge von sechs Stunden bis nach Weißenburg und wird durchströmt von der Lauter, einem klaren Forellenbache, der seinen Namen mit vollem Rechte führt. Nach allen Richtungen hin laufen Seitentäler aus, die sämtlich dem Haupttale gleichen. Eine Menge Burgruinen, die auf den umliegenden Bergen sich erheben, zeigen, dass in älteren Zeiten ein bewegteres Leben in der Gegend geherrscht haben muss, als dies jetzt der Fall ist. Ob es auch ein besseres war als jetzt, darüber kann kein Zweifel sein, wenn wir hören, dass nicht wenige der Burgbesitzer sich als Raubritter vom Stegreife nährten.
Der sehenswerte Teil des Tales ist der zunächst um Dahn gelegene. Allerdings finden wir hier nicht die Milde, Freundlichkeit und Fruchtbarkeit der vorderen Pfalz; statt der Weinreben nur wilde Brombeerhecken, statt der Kastanienwälder nur Tannen, Föhren und Buchenhaine; statt des üppigen Fruchtfeldes nur kahle Felsenhänge, denen man mit äußerster Mühe im Sande die genügsame Kartoffel abgewinnt. Da blüht keine Mandel, da blüht kein Pfirsich mehr auf den Höhen; nur noch der Holunderbaum und der Schlehdorn nicken mit weißen Blüten von den Felsen im Frühlingswinde. Und doch ist es schön, prächtig bei Dahn, es ist die wilde, schauerliche und furchterregende Schönheit, die hier vor uns liegt. Dahn selbst ist ein schöner, freundlicher Flecken, ganz von Bergen eingeschlossen, an deren Abhängen die Bewohner ihre wenigen Felder angelegt haben. Gleich am Eingange des Ortes gegen Westen hin steigt eine ungeheure Felsenwand senkrecht in die Höhe. Einige Häuschen schmiegen sich an den Fuß derselben an und schwärzen mit ihrem Rauch die drohende Wand. Hoch oben auf seiner Spitze trägt der Fels ein vergoldetes, weithin sichtbares Kreuz. Hier ist der Jungfernsprung, dessen Name die Sage erklärt. Vor alten Zeiten wurde einmal ein Mädchen dort oben im Walde von einem Jäger verfolgt, und da sie auf dem Kamme des Berges, von Fels zu Fels geflohen, sich nicht mehr zu retten wusste, stürzte sie sich von der vorspringenden Bergstirne hinab in den Abgrund. Wunderbar gerettet kam sie unten auf den Wiesengrund, wo alsbald eine Quelle aufsprudelte, die heute noch lebendig ist.
Auf der entgegengesetzten Seite des Fleckens sind’s nur wenige hundert Schritte zu einem eben so interessanten Felsen, dem Hochsteine auf dem Schützenberge. Ein Felsenriff ist durch eine tiefe Kluft gespalten, so dass frei und hoch der mächtige Hochstein empor starrt und, von ferne gesehen, einem riesigen Dome ohne Turm nicht unähnlich ist. Klein und winzig erscheint daneben eine alte, dem hl. Michael geweihte Kapelle. Diese Stelle ist ausgezeichnet durch die prächtige Aussicht, die man von hier aus genießt. Jenseits der Lauter und des frischen Wiesengrundes starrt ein seltsam verwitterter Felsenkamm ins Tal, der uns eine ganze Reihe gewaltiger Burgtrümmer mit Türmen, Toren, Fenstern und Zinnen vorspiegelt. Und ringsrum sehen wir ähnliche Bildungen. Nach Nordwesten hinein zieht sich eine Reihe tiefbewaldeter Berge, aus deren Buchenwipfeln eine wirkliche Burg, Neudahn, ihre verfallenen Zinnen reckt.
Uns im Rücken, in nächster Nähe, erwarten uns andere Merkwürdigkeiten. Dort in der Wildnis ragen über das hohe Riff des Berges kühne, gewaltige Trümmer einer Doppelburg hart nebeneinander, so dass sie nur eine einzige große Ruine zu sein scheinen. Es sind die Felsennester Altdahn und Grafendahn, einst die Sitze der berühmten Ritterschaften „von Than“, Bundes- und Fehdegenossen des Franz von Sickingen. Nach dessen Fall sahen auch sie ihre Burgen sinken unter den Brandfackelnder verbündeten Fürsten und nochmals untergehen durch den General Monclar von Landau aus. Seitdem ist es still hier im wilden Wasichenforste. Leer und öde steht das Getrümmer der Doppelburg, und auf den Zinnen stehen nur noch im Wind nickende Bäume statt der Ritter und Knappen. –
Drei Stunden von Dahn südwärts liegt das Dörfchen Schönau, das seinen Namen seiner schönen Lage verdankt. In der Nähe auf der Spitze des höchsten Berges in der Gegend lag die ehemalige Reichsfeste Wegelnburg, welche später den pfalz-zweibrückischen Herzögen gehörte und 1680 durch die Franzosen zerstört wurde. Nur sehr wenige Reste sind von der Burg noch übrig; kaum lässt einzelnes Gemäuer noch erkennen, dass auf dieser Stelle eine Menschenwohnung gestanden. Es erfordert große Mühe und Anstrengung, bis auf den höchsten Punkt zu gelangen, und nur schwer findet man sich in der Wildnis zurecht, welche den oberen Teil des Berges bedeckt. Die Volkssage behauptet, eine verzauberte Prinzessin harre hier oben auf Erlösung in einem Gemache, welches mit Gold und Silber und Edelsteinen angefüllt sei. Alle aber, welche sich zu diesem Zwecke naheten, würden von neckischen Geistern, welche die Schätze bewachten, irregeführt. Hat man aber die Höhe glücklich erreicht, so wird man durch die herrlichste Aussicht überrascht. Weit hinein nach Elsass dringt der Blick über waldige Berge und gesegnete Fluren. Auf der andern Seite trifft das Auge auf die Höhen des Haardtgebirges und überschaut in einem Blicke die ganze wunderbare Felsenwelt von Dahn. Gerade gegenüber auf beinahe gleich hoher Bergspitze zeigen sich die Ruinen der ehemaligen Sickingischen Feste Hohenburg und etwas tiefer die merkwürdige Burg Fleckenstein. Ganz unten am Fuße des Berges ruht unter Obstbäumen in malerischer Lage das Dörfchen Nothweiler, welchem gegenüber sich die Ruine Kulmenfels sich erhebt.
Eine der sehenswertesten Burgen der ganzen Gegend ist bei dem Dorfe Busenberg auf einem steilen Berge liegende Drachenfels. Von dem Mauerwerk ist nur noch wenig zu sehen. Dagegen ist die Bearbeitung des Felsens welcher der Burg zur Unterlage diente, so merkwürdig, dass es sich wohl der Mühe lohnt, den Berg zu ersteigen. Wie ein nagender Wurm hat der Mensch den ganzen Felsen ausgehöhlt, nach den verschiedensten Richtungen hin Gänge hindurchgeschrotet und Gemächer gebohrt. Man weis nicht, soll man mehr staunen über den Gedanken zu einem solchen Riesenwerke oder über die wirkliche Ausführung. Durch die dunklen Gänge im Bauche des Felsens gelangt man empor bis zu der schwindelnden Höhe, von wo sich eine so merkwürdige schauerliche und wilde Aussicht auftut, wie man sie bisher noch kaum gesehen. Da liegen sie in öder, stiller, wenig bewohnter Natur, die gespensterhaften Erscheinungen von Riesenburgen und Felsenschlössern ringsumher. Da liegen und stehen versteinerte Figuren, gleich Ungeheuern der Vorwelt. Klein und machtlos erscheint sich hier der Mensch. Wenn irgendwo, so muss ihm hier dieser gewaltigen Natur gegenüber seine Ohnmacht klar werden. Zugleich aber wird auch ein stolzes Gefühl ihn beschleichen, wenn er bedenkt, dass ihm dennoch vergönnt ist, diese Natur in seinen Dienst zu zwingen.“  
 
Der pfälzische Berufsschriftsteller August Becker lebte von 1828-1891, Mit 19 Jahren verlässt Becker sein Heimatdorf Klingenmünster, um nach München zu gehen. Von da an wird er nur noch als Reisender in die Pfalz kommen. Bekannt sind heute fast nur noch seine pfälzischen Bücher, "Hedwig, ein Roman aus dem Wasgau", "Die Nonnensusel - Roman aus dem Pfälzer Bauernleben" wohl zu den populärsten Arbeiten seines Werkes zählen.
"Das Verhältnis Beckers zur Pfalz ist geprägt von enttäuschter Liebe. Nach seiner letzten Reise dorthin im Jahre 1874 ist er nicht mehr in die Pfalz zurückgekommen. Er hat es seiner Heimat nicht verziehen, dass er dort so wenig Resonanz fand, und dass man nichts tat, um ihm dort ein Auskommen zu sichern. Heimisch ist er in der Fremde nicht geworden. nach München gab es keinen Weg zurück und Eisenach wurde ihm zum Lebenslänglichen Exil, in dem er die Weltläufigkeit des Hauptstädters allmählich einbüsste", schreibt Jürgen Vorderstemann in dem Begleitbuch zur Ausstellung der Pfälzischen Landesbibliothek Speyer 1991 aus Anlass des 100. Todesjahres von August Becker.

 

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