Der Dahner Ehrenfriedhof

Mahnend - den Frieden zu bewahren
Mahnend - unsere Jugend nicht zu opfern
Mahnend - Krieg, Terror und Gegenterror zu ächten

Am 14. September 2002 wurde der Dahner Ehrenfriedhof 50 Jahre alt. „Nachdem sowohl das Ministerium des Inneren in Mainz als auch der Landesverband des Volksbundes für Kriegsgräber keine Möglichkeit sehen, sich an einer eigenen Gedenkveranstaltung zur fünfzigsten Wiederkehr der Friedhofseinweihung zu beteiligen, wird die Stadt Dahn ihre jährliche Feier am Volkstrauertag so ausgestalten, dass damit auch die 50-Jahr-Feier abgedeckt ist“, erklärt Stadtchef Manfred Schreiner. Wie vielen anderen ist es auch ihm unverständlich, dass dieses pfalzweit wohl einmalige Ehrenmal heute in Vergessenheit zu geraten scheint.

 2412 Kriegstote des 2. Weltkrieges fanden auf dem Dahner Ehrenfriedhof ihre letzte Ruhestätte, nachdem die Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1950 in der gesamten Pfalz ein geeignetes Gelände für die Soldaten, die noch in den letzten Monaten und Tagen dieses entsetzlichen Krieges ihr Leben hatten opfern müssen, gesucht hatte. 

Vom Oktober 1944 bis zum Frühjahr 1945 fanden in den Vogesen und in der Pfalz schwere Abwehrkämpfe statt, erst Ende März gelang es den Amerikanern vorzudringen, wobei die deutschen Streitkräfte, besser gesagt, das was von ihnen noch übrig war, und die deutsche Zivilbevölkerung schwere Verluste hinnehmen musste. Bei diesen Rückzugsgefechten fielen alleine in der Pfalz in diesen letzten Kriegstagen noch 18.000 Wehrmachtsangehörige. Sie waren aus den verschiedensten Truppenteilen zu der Ardennen-Offensive“ zusammengezogen worden und stammten aus dem gesamten damaligen Reichsgebiet, aber auch aus angrenzenden, von Deutschland besetzten, Ländern wie Österreich, der Tschechoslowakei, Polen und Rumänien. Notdürftig verscharrte man die Gefallenen und Toten an Straßen und Wegrändern, im Wald oder auf dem freien Feld. Der Tot war allgegenwärtig und die Sorgen und Probleme der Lebenden ließen keinen Raum, sich um die zu kümmern, die für immer gegangen waren.

 
 

Diesen Kriegsopfern eine würdige Ruhestätte zu schaffen, war ein besonderes Anliegen des Volksbundes. In der landschaftlich einmalig schönen Lage des Dahner Felsenlandes wurde man fündig. Direkt unter dem Hochsteinmassiv in der Nähe der alten Michaelskapelle stellten die Stadt Dahn und die Kirchengemeinde das von drei Seiten von Wald umgebene Gelände zur Verfügung, auf dem der Ehrenfriedhof angelegt werden sollte.

Die Planung der Anlage wurde Professor Daniel Thulesius von der Technischen Universität Braunschweig übertragen. 

Aus 300 Gemeinden der ganzen Südwestpfalz verlegte man die Toten nach Dahn. Die neuen Gräber wurden auf fünf Terrassen vom unteren Eingang bis zum oberen Tor angelegt, für Stützmauern und die 70 Kreuze, die den Friedhof paarweise und in unregelmäßigen Abständen zieren, verwendete man den heimischen roten Sandstein vom Edersberg. Die Rohlinge wurden auf der Baustelle abgeladen und mit Hand bearbeitet.  Jedes Grab ist mit einer Tafel gekennzeichnet, auf der Name, Geburts- und Todesdatum und die Nummer des Grabes verzeichnet sind. Bei 300 Gräbern blieben diese Daten, trotz intensiver Recherchen durch den Suchdienst, „unbekannt“. 150 Tote hatte man im Rahmen der Umbettungen nachträglich noch identifizieren können. Die Angehörigen erhielten nun Gewissheit über das Schicksal der jahrelang Vermissten. 

1971 mussten die Namenssteine ausgewechselt werden. Die handgearbeiteten Sandsteine waren größtenteils verwittert und wurden durch Keramikplatten der Staatlichen Majolika-Manufaktur Karlsruhe ersetzt.

Gegenüber dem Kapelleneingang errichteten die Angehörigen der 262. Infanteriedivision der Wehrmacht einen Gedenkstein für ihre Gefallenen und ihre ehemaligen Gegner. Unter dem Namen „Steffel-Division“, dem der Stephans-Dom in Wien Pate gestanden hatte, wurde dieses Regiment, das vorwiegend aus Österreichern bestand, bekannt. Die Steffel-Division war maßgeblich an den Kämpfen im Grenzgebiet zum Elsass und um den Maimont bei Schönau beteiligt. Nach dem Krieg fanden immer wieder Gedenkfeiern von Divisionsangehörigen mit ihren ehemaligen Gegnern statt. Bei einer dieser Feiern brachten Angehörige der Division ein Stück vom Stephans-Dom mit, der in der Kapelle, zur Erinnerung und Mahnung, sichtbar eingemauert wurde.

Im Zuge des Friedhofsausbaus wurde auch das während des Krieges stark verwahrloste Kapellchen renoviert. 

- Die Geschichte der St. Michaelskapelle: Bild anklicken  -

Das Feldkreuz gegenüber dem Kapelleneingang wurde bereits vor Anlage des Friedhofes von einer alteingesessenen Dahner Familie gestiftet.

 

Nach Beendigung der Bauarbeiten verwirklichte man den Vorschlag des Planers, durch einen Kreuzweg eine Brücke vom Ort zum Friedhof zu schlagen. Die Stelen der einzelnen Stationen wurden von Hand in Sandstein gearbeitet. Die quadratischen Reliefs aus hellem Kalkstein sind eine Stiftung des Bildhauers Professor Jakob Hofmann aus Braunschweig. 

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Noch immer erhält der zuständige Sachbearbeiter für Friedhofsfragen der Verbandsgemeinde Post von Angehörigen, die auf der Suche nach ihren vermissten Verwandten sind. Erst kürzlich schrieb ihm eine alte Dame, deren Bruder auf dem Dahner Ehrenfriedhof beerdigt ist. Durch Zufall hatten Bekannte, die in Dahn ihren Urlaub verbrachten, das Grab entdeckt. Die Bitte nach einem Foto des Grabes erfüllte Schuhmacher gerne. Oft falle die Antwort auf die Nachfragen aber negativ aus, dann müsse er die Leute an den Suchdienst des Volksbundes weiterverweisen, sagt er. Manche der nachträglich identifizierten Toten wurden ein weiteres Mal umgebettet, weil die Verwandten sie in die Heimat überführen ließen.

 

Hans Graf von Sponeck

 
In der untersten ersten Reihe, unter einer noch relativ jungen, doch schon sehr knorrigen Eiche gleich am Eingang zum Dahner Ehrenfriedhof, fanden die sterblichen Überreste des Hans Graf von Sponeck ihre letzte Ruhestätte.
Er hätte es sicher gut geheißen hier begraben zu werden, dieser integre Mann, der dem Nationalsozialismus ein Leben lang ablehnend gegenüber gestanden, woraus er auch keinen Hehl zu machen pflegte. 

  

Sponeck, der Ende 1941 auf der Krim, entgegen dem ausdrücklichen Befehl aus dem Führerhauptquartier, die Halbinsel Kertsch räumte und damit viele deutsche Soldaten vor dem sicheren Untergang bewahrte, wurde dafür im Januar 42 von einem Kriegsgericht unter dem Vorsitz Hermann Görings zum Tode verurteilt. Von Hitler zu sechs Jahren Festungshaft begnadigt, verbüßte er seine Strafe in Germersheim.
Ohne ein neues Verfahren wurde er drei Tage nach dem Attentat vom 20. Juli 44 auf Weisung Heinrich Himmlers erschossen, obwohl er mit den Vorkommnissen nicht das Geringste zu tun hatte.    
An dem General, der bis zum letzten Atemzug unbeirrbar an sittlichen Normen festhielt, die sein Gewissen und sein Ehrgefühl ihm vorschrieben, hatte Hitler ein Exempel statuieren lassen, das letztlich dazu dienen sollte, die Generale altpreußischer Prägung zu unbedingtem Gehorsam zu zwingen.
 „Vierzig Jahre habe ich dem Vaterland, das ich von ganzem Herzen geliebt habe, als Soldat und Offizier gedient. Wenn ich heute mein Leben lassen muss, so sterbe ich in der Hoffnung auf ein besseres Deutschland“, waren die letzten Worte Sponecks an die Soldaten, die um 7.13 Uhr in der Festung Germersheim den Befehl Himmlers vollstreckten. Vom Festungskommandanten wurden die Soldaten zu unbedingtem Stillschweigen verpflichtet. Graf Sponeck sei in „geheimer Staatssache erschossen“ worden. Der völlig verstörte Generalleutnant von der Lippe überbrachte der Gräfin die schreckliche Botschaft nach Badenweiler. Nicht etwa auf dienstlichen Befehl, sondern von sich aus.
Am 24 Juni 44 wurde Sponeck in Germersheim beerdigt. An seinem Grab durften keine Traueransprachen gehalten werden, nur ein Vaterunser wurde gesprochen.
Nach dem Krieg erhielt der Graf, dessen einziges Vergehen die vom militärischen und menschlichen Standpunkt aus gesehene korrekte Erfüllung seiner Pflicht  gewesen ist, auf dem Dahner Ehrenfriedhof seine letzte Ruhestätte.
Leben und Sterben des Grafen Hans von Sponeck, einem Offizier alter preußischer Schule, machen deutlich, dass ein von Menschenliebe getragenes Pflichtbewusstsein nichts mit obrigkeitshörigem Kadavergehorsam gemein hat.

Impressionen    

Der Dahner Ehrenfriedhof ist mehr als ein Mahnmal. Er ist ein Ort der Ruhe und der Besinnung und ein Aufenthalt hier oben, fern der Hektik und dem Lärm der Welt, rückt manches wieder ein wenig ins rechte Licht. 2412 Kriegstote mahnen für den Frieden. 2412 Opfer eines sinnlosen Krieges, eines totalitären Regimes und eines wahnsinnigen „Führers“ dem kaum einer Widerstand zu leisten wagte, lassen innehalten. Es stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Was macht ein Menschenleben aus? Wo ist das Vaterland, in dessen Namen Kindern die Väter, Müttern die Söhne und Frauen der Liebste genommen wurde? Man sucht Antworten angesichts der endlos scheinenden Gräberreihen. Hinter jedem Namen steht ein Mensch, hinter all diesen Namen verbirgt sich ein Schicksal.  Gestorben sind sie, die aus allen Teilen dieses mörderischen „Großdeutschen Reiches“ stammten, in der Südwestpfalz. So wie die Krankenschwester im Grab 1752. Man weiß nicht, wo sie herstammt und wo sie geboren wurde, diese Erna Harms, eine von den sieben Frauen, die hier begraben liegen.  Man weiß nur, dass sie bei Obrigheim Colgenstein ums Leben kam und gerade 25 Jahre ist sie alt geworden ist, sie, die nichts anderes wollte, als helfen. 

Viele der hier Bestatteten wurden noch nicht einmal 20 Jahre alt. So viel verpasstes Leben, so viel verpasstes Glücklichsein! Die Toten hier oben schreien es in die Welt: „Nie wieder Krieg!“ – Lasst nicht zu, dass ihr Mahnen ungehört verhallt. (Lilo Hagen)