Kreuzeck
Die deutlich zu erkennende
Ost-West-Achse, die bei allen älteren Kirchen zu finden ist, spricht eine
deutliche Sprache. Doch war es eine Eremitage, eine kleine Kapelle oder gar ein
Wallfahrtskirchlein, das hier den Wanderern Schutz und Einkehr bot? Wer lebte
hier? War es einer oder mehrere, die ihrem Gott hier Dienst taten, welchem Orden
gehörten sie an? Fragen, die es noch immer zu beantworten gilt.
In der ältesten bekannten
Flurkarte ist die Ruine nicht vermerkt, schriftliche Dokumente über das
zerfallene Gemäuer sind bis heute nicht aufgetaucht.
Doch es gibt viele Zeichen, die
der Dahner Chronist Karl Kissel gedeutet hat.
Das im östlichen Schäkersloch
entstspringende Bächlein nennt der Volksmund „Wöllmersbach“ – so ist es
auch in der ältesten Karte verzeichnet. „...die zwey herrschaftlichen Wöög
als der heiligen Häusler Woog und lang Woog, so ehedem Weyher waren...“, heißt
es in einer Urkunde aus dem Jahre 1756.
1784 wird das kleine Gewässer als
„heiligen Häußel Bächel“ aufgeführt und im Jahr1788 wird es „Heiligenbächel“
genannt.
Der Wöllmersbach entspringt
unmittelbar an der PWV Hütte am Schmalenstein. Eine weitere Quelle befindet sich gut einen Kilometer weiter oben im Tal,
in der Bärendöll, nur 500 Meter entfernt von der Ruine am Kreuzeck. Kissel ist
sicher, dass man getrost davon ausgehen könne, dass die alten Bezeichnungen für
den Wöllmersbach sich auf das „Heilige Häusel“ – die Ruine am Kreuzeck
– bezieht.
Von den Einheimischen wurde die
Ruine, früher als ‚das
Kapellchen’ oder ‚das Kirchlein’ bezeichnet. Einsiedlerklausen waren nicht
selten das Ziel von Wallfahrten und Prozessionen, die mit der Zeit zur Tradition
wurden. So würde sich auch der Stationenweg von Bruchweiler zum Kreuzeck erklären. Heute ist von den Bildstöcken nichts mehr zu sehen, doch es
ist erwiesen, dass es sie gab. Von diesen höchstwahrscheinlich 14 Stationen
soll der Großvater des 1874 geborenen Martin Burkhart, später Bürgermeister
des Ortes, noch acht gekannt haben. Der letzte Bildstock stand bei der Gewanne Käskammer
und eine dort gelegene Waldabteilung heißt heute noch ganz offiziell „Am
Bildstöckel“.
Der 1932 geborene Ewald Burkhart
berichtete, dass er während des Krieges mit seinem Großvater in die Käskammer
ging, wo sich ein behauener Stein mit einer Figur befunden habe. „Wenn du da
den Kopf dran schlägst, hörst du die Engel im Himmel singen“, habe der alte
Mann gesagt.
Karl Kissel ist nach allem, was er
über die Ruine in Erfahrung bringen konnte, sicher, dass sich hier eine
christliche Kultstätte gehandelt hat. Offenbleiben müsse jedoch die Frage nach Entstehungszeit und genauer Verwendung. Am
wahrscheinlichsten sei eine Eremitage, dies ist eine Einsiedelei mit einer
einfachen Behausung, einer sogenannten Klause. „Der Klausner hat sich mit
Hilfe frommer Leute ein fest umrissenes Plateau hergerichtet, auf das er seine Hütte
stellte. Davor wäre nach den vorliegenden Abmessungen noch Platz gewesen für
einen kleinen Freialtar und einige Bänke für die Wallfahrer, eventuell mit Überdachung
auf Pfosten. Die Hütte war aus Holz und Flechtwerk. Da keine Ziegelreste
gefunden wurden, muss man sich die Bedachung aus Schilf oder Stroh
vorstellen“, schreibt Kissel.
Er hat sich ausführlich mit
diesen geheimnisumwitterten Mauerresten, um die sich viele Sagen winden, beschäftigt.
Sie bilden ein nicht ganz
symmetrisches Rechteck von 16 auf neun Meter. Im Innenraum fand man die Überreste
eines Plattenbelages und etwa 17 Quadratmeter abgearbeiteten Fels. Eine der
Felsplatten enthält eine kreisrunde Vertiefung von acht Zentimetern bei einem
Durchmesser von einem halben Meter mit einer angedeuteten Überlaufrinne.
Die Mauerreste sind zwischen 20
und 70 Zentimetern hoch und enthalten bis zu drei Quaderreihen. Die Steine sind
unregelmäßig behauen und ineinander verzahnt ohne Mörtelbindung. Nach dem
Gesamtvolumen der herumliegenden Steine zu schließen, kann die ursprüngliche
Mauerhöhe nicht über einen Meter betragen haben. Den oberen Teil der mauern müsste
man sich somit als in Holz und Füllwerk ausgeführt vorstellen.
Das Grabungsergebnis wurde wie
folgt zusammengefasst. „Das von der Mauer umschlossene Viereck ist offenbar künstlich
aufgefüllt worden. Man legte Stein neben Stein und füllte die Lücken und den Innenraum mit Sand, bis das Mauerniveau
erreicht war, wodurch eine ebene Fläche entstand. Die Ecken verstärkte man
durch innen liegende, auseinandergeschichtete Steinplatten. Welche Zeitepoche
die Anlage zuzurechnen ist, muss mangels ausreichende Funde offen bleiben.“
Doch die Lage der kleinen Ruine
und der ewig geschwätzige Volksmund legen eigene Zeugnisse über die Geschichte
der Ruine am Kreuzeck ab. Die Ruine liegt fast auf dem Schnittpunkt der drei größten
Gemeinden des Dahner Felsenlandes. Sie selbst befindet sich noch auf der
Gemarkung von Bruchweiler, doch nur rund achtzig Meter sind es zur Grenze von
Dahn, 100 Meter zur Grenze von Fischbach. Alle drei Gemeinden gehören zu den ältesten
des Felsenlandes.
Von der Ruine führte einst ein
kleiner Pfad, eine sogenannte Mulde, zu einem heute noch zu gehenden Hohlweg,
der hinauf zum Schäkersloch-Sattel führt. Das alte, ausgefahrene und unregelmäßige
Sandsteinpflaster ist noch erkennbar.
Die alte Form von „Shäkersloch“ ist „Schächersloch“, was zumindest sprachlich eine Verbindung zu den beiden Schächern bei der Kreuzigung Jesu herstellt. So wie es zwei „Schächer“ gibt, so gibt es auch das „Schächersloch“ in doppelter Ausführung. Ein östliches, das führt nach Bruchweiler, und ein westliches, das führt nach Fischbach. |