
Markttage
Von den Kindern wird das fröhliche Treiben der Markttage schon mit Sehnsucht erwartet. Und darin unterscheidet sich der Nachwuchs des 3.Jahrtausends in keiner Weise von dem der vergangenen Jahrhunderte. Wenn auch die Belustigungen andere gewesen sein mögen und es sich bei den Märkten in den längst vergangenen Zeiten um reine Bedarfsmärkte handelte. Man darf sicher sein, dass für den Nachwuchs immer etwas Besonderes abfiel. Denn Markttag, dass war für die Bevölkerung stets ein außergewöhnliches Ereignis. Schließlich gab es in Dahn nur vier Märkte im Jahr, wozu der Maimarkt am Sonntag vor Christi Himmelfahrt gehörte. Außerdem gehörten im 19. Jahrhundert noch der Ostermarkt am Sonntag vor Palmsonntag und der Martinimarkt am Sonntag nach Martini zu den festen Krämermärkten in der kleinen Gemeinde. Schon im späten Mittelalter sind die Märkte in Dahn urkundlich belegt. Aus diesen Unterlagen geht auch hervor, dass Dahn damals über einen vereidigten Fruchtmesser verfügte. Zu den Früchten der damaligen Zeit gehörten in erster Linie Korn, Spelz, Hafer, Weizen, Gerste, Kartoffeln, Heu und Stroh. Die Maße und Gewichte waren beim Dahner Gericht hinterlegt und mussten von Zeit zu Zeit geeicht werden. Diese Krämermärkte boten vor allem die wichtigsten Dinge für den täglichen Bedarf. Man darf davon ausgehen, dass die vornehmen Damen von Dahn, und die, die sich dafür hielten, schon damals ihre Bedürfnisse eher in Weißenburg stillten. Denn Brüssler Spitze, chinesische Seide oder italienisches Kristall dürfte auf den Märkten kaum feil geboten worden sein. Und Weißenburg hatte als Bindeglied zwischen den großen Marktzentren Frankfurt und Straßburg schon damals eine große Bedeutung für die Bevölkerung in der Region. Heute muss die Dahner Damenwelt nicht mehr wegen jedem Paar Seidenstrümpfe eine Weltreise unternehmen. Heute bietet die Stadt alles was das Herz begehrt. Und weil das so ist, haben viele "Nichtdahner" das Städtchen längst als ein Eldorado für das Besondere und Außergewöhnliche entdeckt. Dahn selbst hatte, obwohl nicht im Besitz der Stadtrechte, das klassische Marktrecht und war damit der einzige Marktort im Wasgau, was der Gemeinde eine bedeutende Rolle in der Region einräumte. Bereits 1766 hatte sich Dahn die Zollfreiheit nach Frankreich erkauft. Mit der Französischen Revolution, als die Pfalz unter die Herrschaft der westlichen Nachbarn geriet, begann sich für die Menschen ein lang gehegter Traum zu realisieren. Während Deutschland noch von einer Vielzahl Zollgrenzen zerstückelt war, gehörte die Pfalz in dieser Zeit zu Frankreich und genoss damit alle Vorzüge, die ein Land ohne Grenzen und Handelsschranken bietet. Heute, fast 200 Jahre später, ist die Region wieder von allen störenden Grenzen befreit und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man auch hinter Pirmasens erkennt., das sich hier der Nabel Europas befindet. Als 1819 die Bayern dann meinten die fröhliche Pfalz regieren zu müssen, hatte das zollfreie Handeln wieder ein Ende. Von einem Tag auf den anderen sah sich die Pfalz von Zollgrenzen umgeben. Und der Weg zum bayrischen Mutterland, das eigentlich keiner herbeigesehnt hatte, war weit. Bis ins 19 Jahrhundert hinein war die heutige Marktstraße der Marktplatz, so wird er in alten Karten auch noch bezeichnet. 1820 wurde dieser Marktplatzcharakter vor der Kirche durch den Bau des heutigen Alten Rathauses zerstört. Bis dahin war der westliche Teil des Marktplatzes von jeder Bebauung frei. Hier wird sich, wie in früheren Zeiten üblich, das Marktgeschehen abgespielt haben. So vermutet der Chronist Karl Kissel. An der Stelle des Denkmals stand früher ein Haus, so dass die nördliche Zufahrt zum Marktplatz sehr beengt war. 1906 kaufte die Gemeinde das Anwesen, brach es ab um den Zugang zu vergrößern. Hätte man damals um die Not der Autofahrer im 21.Jahrhundert gewusst, es wäre wohl 1934 keiner auf den Gedanken gekommen, den Platz mit einem Kriegerdenkmal wieder zuzubauen.
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Der dunkelblaue Luftballon |
.....oder: Wie es früher
einmal war. |
„Es war ein dunkelblauer Luftballon, fast so blau wie das Blau einer frostklaren Sternennacht und ich habe ihn aufsteigen lassen in den Himmel. Immer höher ist er geflogen, ich habe ihm nachgeschaut und nachgeschaut und nachgeschaut. Kleiner und kleiner ist er geworden, doch ich habe ihn nicht aus den Augen verloren, bis er am Ende nur noch ein winziger Punkt war in der Unendlichkeit“, sagt die alte Frau und streicht mit ihren schönen, feingliedrigen Händen ihre Röcke glatt. „Nein“, sagt sie, „früher, da ist alles anders gewesen. Da war der Jahrmarkt und die Kerwe noch ein richtiges Ereignis für Jung und Alt. Das ganze Jahr freute man sich darauf, mindestens so sehr, wie auf Weihnachten und Ostern.“ Sie legt die Stirn in Falten und scheint sich plötzlich in einer Welt zu befinden, zu der ich keinen Zugang habe. „Als meine Großmutter, Gott hab sie selig, noch ein junges Mädchen war, da lockte die Kerwe auch Musiker, Gaukler und Komödianten nach Dahn, die Mädchen zogen ihre feinsten Seidenstrümpfe an und putzten sich heraus. Doch die Mutter von meiner Großmutter hat es nicht dulden wollen, ihr war das fahrende Volk zuwider. Aber die Großmutter, die hat sich nicht halten lassen, ist weggehuscht, während die Eltern sie im Bette glaubten. Sie liebte die Marionettenspieler, die mit ihren Puppen in den feinen, seidenen Gewändern die große, weite Welt nach Dahn brachten. Dabei waren auch Equilibristen, wunderschöne, junge kraftstrotzende Männer in zauberhaften Kostümen. Es kamen die Taschenspieler und aus den hohen Bergen reisten Kastenträger mit Murmeltieren an. Besonders begeistert war meine Großmutter von der Laterna Magicae, ein Zauberkasten der für euch, die ihr meint, ohne Fernsehen nicht mehr leben zu können, eine unbekannte Welt eröffnete. Da waren die Glockenspieler und die Hausierer, die Wettergläser und optische Kästchen feilboten. An süßen Köstlichkeiten gab es türkischen Honig, Schmalzgrieben, Pfeffernüsse, Honigkuchen und diese einzigartigen Zuckerstangen, für die manche Kinder das ganze Jahr über sparen mussten. Jeden Pfennig hielten sie zusammen, nur um sich eine dieser himmlischen Stäbe kaufen zu können. Auf dem Marktplatz waren Schießbuden aufgebaut und manches mal hieß es auch „Hereinspaziert, hereinspaziert meine Herrschaften“ und dann zeigten sie Siamesische Zwillingen oder eine Dame ohne Unterleib, zersägten Jungfrauen, die keine mehr waren, schluckten Feuer und Schwerter“, sagt die alte Frau und erweckte mit ihrer Erzählung die Kindheitserinnerungen ihrer Großmutter zu neuem Leben. Sie versetzte sich zurück in eine Zeit, in der Blaskapellen und Drehorgelspieler noch zu den ganz großen Attraktionen des Kerwetreibens gehörten, in der Menagerien mit Riesenschlangen und Tanzbären den grauen Alltag vertrieben und die Kinder von einer Fahrt auf dem Karussell schon Wochen vor der Kerwe zu träumen pflegten. Ein Karussell, das von einem müden Pony angetrieben wurde, dem man die Augen verbinden musste, damit es nicht verrückt wurde von der ewigen Geherei im Kreis. Es war eine Zeit, in der die Knechte, Mägde und Dienstboten frei und ein extra Handgeld bekamen, um sich zu amüsieren und den Hammel auszutanzen. Eine Zeit, in der gebrannte Mandeln, Süßholz und Lutscher nur ein einziges Mal im Jahr erhältlich waren – in der Kerwezeit und in der von Luftballons noch lange keine Rede war. Luftballons, die in der Kinderzeit der alten Dame etwas ganz besonderes und fast unerschwingliches waren. „Ich habe ihm nachgeschaut, diesem wunderschönen blauen Luftballon – und noch heute frage ich mich so manches Mal, wie es ihm wohl ergangenen sein mag, meinem dicken, runden, blauen Luftballon. Frage mich, ob er es geschafft hat, über Hinterweidenthal hinwegzufliegen, über Pirmasens und Kaiserslautern hinaus in die ferne weite Welt, die ich in meinem Leben nie habe sehen dürfen.“ (Lilo Hagen) |