Franz Martin und Richard Lenhard
Zwei Künstler aus Dahn
Das Atelier ist jeden Mittwoch von 16 bis 20 Uhr geöffnet.

Wer das kleine Häuschen betritt, das versteckt in der Dahner Innenstadt liegt, der kommt in eine andere Welt. Über ein blitzsauberes Treppenhaus erreicht man die Arbeitsräume des Malers und Graphikers Franz Martin. Fertige Arbeiten stehen an der Wand und warten darauf gerahmt zu werden. Alle nötigen Werkzeuge liegen bereit, Skizzen, Zeichnungen und Entwürfe zeugen von einem arbeitsreichen Künstleralltag. Es riecht nach Farbe. Eine Tür führt in ein lichtdurchflutetes kleines Atelier. „Als mein Großvater hier lebte, da war das noch eine Terrasse“, sagt Martin.

Als er Anfang der 90er Jahre ein ständiges Domizil suchte, da stand das Haus leer, Martin ergriff die Gelegenheit und nahm es in Besitz, das Häuschen, in dem einst sein Großvater, der Maler und Bildhauer Richard Lenhard, gelebte und gearbeitet hat. „Das Eiscafé vorne war Großvaters Elternhaus“, erzählt Martin. Wie er habe auch der Großvater in Karlsruhe studiert. „Damals war das alles noch eins, Architektur, Malerei und Bildhauerei. Mein Großvater war Schüler von Professor Albert Haueisen, die Berufsbezeichnung lautete „Akademischer Maler und Bildhauer“, erklärt Martin. 

„Das war lange vor dem Krieg. Mitte der zwanziger Jahre ging dann nach Italien, war zwei Jahre an der Villa Borghese in Rom, kopierte alte Meister und kam so zur Bildhauerei“, erzählt der Enkel. Nach seiner Rückkehr zog es Lenhard 1928 vor die Tore Dahns. Am Südhang des Hochsteins oberhalb der B 427 Richtung Reichenbach baute er sich ein Atelier. Da steht es noch heute „das Malerhäuschen“ nur die zwei dorischen Säulen vor dem Eingang sind längst verschwunden.

richard-lenhard
Das "Malerhäuschen" Richard Lenhards steht noch heute vor den Toren Dahns

 

Er habe Kriegerdenkmale gebaut, was er immer als „Brotkunst“ bezeichnet habe, sagt Martin. Dort oben habe er zwei Doggen gehalten und mittags sei er über den Hochstein, heim an Mutters Mittagstisch gewandert. Der Großvater habe schon Mitte der fünfziger Jahre den Sommer in Mallorca, Italien und Griechenland verbracht, habe das Mittelmeer und das mediterrane Klima geliebt, erinnert sich der Enkel, der 12 Jahre alt war, als der Großvater 1969 starb. „Meine Mutter hat sein Talent auch geerbt, es aber nie ausgebildet“, sagt er.  

Hin und wieder besuchte Lenhard seine Tochter und ihre Familie in Trippstadt. „Er hat meine Arbeiten damals sehr harsch kritisiert“, schmunzelt Martin in Erinnerung an seine ersten Versuche in Sachen Kunst. Einmal habe der Großvater aus Paris einen roten Zuckerhasen geschickt, als er ankam sei er in tausend Teile zersprungen gewesen. „Ich habe versucht, ihn wieder zu reparieren“, erinnert er sich.

 
franz-martin franz-martin
Fasziniert war der junge Martin von dem Großvater, der Post aus Rom, Mallorca und Athen schickte wie andere aus Karlsruhe oder Kaiserslautern. Er fand auch die Zeitungsberichte über den Opa toll. „Meine Eltern hat das nicht sonderlich beeindruckt. Großvater war ein Außenseiter, der sich in dem bäuerlichen Umfeld des Wasgaus zurechtfinden musste“, erklärt Martin. Heute sei der Unterschied nicht mehr so gravierend, Künstler seien inzwischen auch auf dem Land gesellschaftlich anerkannt, sagt er.
 
„Ich bin immer nur hinausgegangen, um von anderer Warte aus die Heimat zu sehen“,
hat Richard Lenhart einmal gesagt. Das Werk, das er hinterlassen hat, wurde zum Betrachten geschaffen. Es belehrt nicht, wühlt nicht auf, es bezaubert nur in seiner bodenständigen, direkten und liebevollen Art. Ganz anders der Enkel, der sich mit seiner Kunst auflehnt gegen die Selbstgerechtigkeit der Welt.  
Das er nach Dahn gekommen sei, in die Stadt, in der sein Großvater gewirkt habe, dass sei nicht sein Wunsch gewesen, das habe sich so ergeben, sagt Martin. „Jetzt will ich hier bleiben. Heute ist es egal, wo ich lebe, ob in Berlin, Mailand oder Dahn“, erklärt er, der inzwischen zu den anerkannten Künstlern Deutschlands gehört, zu denen, die es geschafft haben und von ihrer Kunst leben können. „Das sind vielleicht 10 Prozent, aber man muss viel dafür tun, ständig präsent, in möglichst vielen Ausstellungen und Galerien zu sehen sein“, erzählt Martin. Ganz anders der Großvater. Obwohl auch er von seiner Kunst leben musste, hielt Lenhards Bescheidenheit ihn immer wieder von der Beteiligung an Wettbewerben ab. Das bescheinigte ihm sein Jugendfreund Hermann Glessgen, der den aus Landau stammenden amerikanischen Karikaturisten Thomas Nast wiederentdeckt hat.
Martin schwärmt von den Burgen, dem Klima, der Landschaft, aber auch von den Menschen, die dazu beitragen zu dem tollen Lebensgefühl, das das Dahner Felsenland biete. „Die Region biete unvergleichliche Blicke“,  erklärt er, das sah sein Großvater wohl ähnlich.
Künstlerisch habe er mit seinem Großvater keine Berührungspunkte, doch die Faszination die von dem alten Mann ausgegangen sei, sei ein Ansatz gewesen, diesen Beruf zu ergreifen, sagt er. 
„Großvater hat die letzten Jahre seines Lebens in Bergzabern gewohnt. Mit 70 hat er in Gleiszellen noch ein altes Schulhaus gekauft und zum Atelier umgebaut. Er lebte nach der Maxime Luthers „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, dann würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen. Großvater war ein Lebemensch, ein Genießer, ein Original. So sehr, dass er hier verspottet wurde. Er hat in einer anderen Welt gelebt“, erinnert sich der Enkel.
atelier-franz-martin

Im Atelier von Franz Martin

 

Franz Martin. Für die meisten Menschen in der Region ist und bleibt Franz Martin der Enkel des Malers und Bildhauers Richard Lenhard, obwohl er nicht nur künstlerisch längst weit über den Großvater herausgewachsen ist. 
Wer das Atelier über der ehemaligen Eisdiele betritt, kommt in eine andere Welt. Hier bietet sich dem Besucher der Künstler mit Herz und Seele. Martin, Jahrgang 57, studierte von 1980 bis 84 in Stuttgart Grafik- und Kommunikationsdesign. Zu dieser Zeit lernte er Klaus Staeck kennen, das beeinflusste auch das Thema seiner Diplomarbeit, das da lautete „Das politische Plakat“.
1986 erhielt Martin den Förderpreis der August-Müller-Stiftung, Pirmasens, 1990 das Stipendium Künstlerbahnhof Ebernburg, 1994 gewährte im das Zehnthaus in Jockrim ein Arbeitsstipendium, 94-95 erhielt er das Asterstein-Stipendium des Landes Rheinland Pfalz, 1996 hielt sich Martin ein Vierteljahr im Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow, Schwerin auf und 1997 erhielt er das Burgund Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz für einen Aufenthalt in Semur-en-Auxois.
Franz Martin ist ein Meister des Verschlüsselns. Immer wieder schafft er übergreifende Kompositionen voller Kürzel und Codes, die zum freien Verweilen einladen und dabei einen detektivischen Spürsinn vom Betrachter fordern.  Franz Martins Arbeiten sind ein entschiedener Protest gegen eine immer weiter fortschreitende Schleiflack-Kultur.
Im Rahmen seines „Offenen Ateliers“ nimmt sich Martin Zeit für den Besucher und nimmt ihn, so er bereit ist, sich auf den Künstler einzulassen, mit in eine extravertierte Welt, in der Engstirnigkeit und Stumpfsinn keinen Platz mehr haben.   
Unter dem Eindruck des Golfkrieges entstanden seine „T-Formen“, die nicht von ungefähr an Kreuzigungsmotive erinnern. Symbole, mit denen sich Martin gegen existenzielles Leid, menschlichen Größenwahn und chaotische Orientierungslosigkeit wehrt.
Da sind seine Arbeiten auf Holz, mit Acryl und Gravuren bearbeitet, dann wieder bevorzugt er Bild-Installationen aus Papier oder Briefumschlägen, die in eine indirekte Korrespondenz zueinander treten.
Ein Mensch blicke in sein eigenes Inneres,  wenn er eine Landschaft betrachte, der moderne Mensch realisiere dabei die Wandlung in seiner Einstellung zur Welt und zu Gott, er sehe die materielle, rationale Struktur seines eigenen Bewusstseins, sagt Martin.
„Das Problem für die moderne Landschaftsmalerei drängt sich durch diese veränderte Geisteshaltung auf, eine Haltung, die in jeder Darstellung einer Landschaft spürbar sein muss. Den Maler interessiert die funktionelle Beschaffenheit einer Landschaft, ihre Struktur und Farbgrenzen: nicht das Endresultat der Naturerscheinung, sondern die innere Notwendigkeit einer geistigen Haltung“, sagt Martin über die Landschaftsmalerei.
In jüngster Zeit hat Martin die Farbe Blau für sich entdeckt. Das Blau des Himmels, des Meeres und das Blau der orientalischen Nacht. Einzig mit dieser einen, an sich sehr kühlen Farbe versteht es der Künstler, komplette und keineswegs kühle Geschichten zu erzählen.                   
franz-martin
  franz-martin
Immer noch und immer wieder faszinieren auch Martins Landschaften – und seine Erklärungen dazu: „Den Maler interessiert die funktionelle Beschaffenheit einer Landschaft, ihre Struktur und Farbgrenzen: nicht das Endresultat der Naturerscheinung, sondern die innere Notwendigkeit einer geistigen Haltung“, so Martin über die Landschaftsmalerei.
Öffentliche Ankäufe seiner Werke tätigte das Kultusministerium Rheinland-Pfalz, die  Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, das Mittelrhein-Museum in Koblenz, die Pfalzgalerie Kaiserslautern, die Landesbank Rheinland-Pfalz, das Landratsamt Böblingen, die Stadt Pirmasens und der Landkreis Südwestpfalz und die Stadt Kaiserslautern.
richard-lenhard

Richard Lenhard als junger Mann

 

Richard Lenhard Der am 7. Mai 1896 in Dahn geborene Richard Lenhard hatte nie etwas andres im Sinn, als bildender Künstler zu werden. Bereits mit zwölf Jahren porträtierte er die ältere Schwester, das Aquarell ist noch vorhanden und zeugt von einer sicheren Beobachtungsgabe. „Malen ist mir ein feierliches Vergnügen, aber wenn ich Holz oder Sandstein sehe, dann kribbelt es mir in den Händen“, sagte er einmal.
Doch dass Richard Lenhard den Menschen vor allem als Bildhauer in Erinnerung geblieben ist, liegt daran, dass seine zahlreichen Gemälde und Zeichnungen in alle Winde verstreut sind. Auf dem Markt sucht man sie vergebens. Das bildhauerische Werk entstand dagegen größtenteils in öffentlichem Auftrag. 1930 war Lenhart zusammen mit Otto Dill, Albert Haueisen und August Croissant beim Frankfurter Kunstverein mit Holzplastiken vertreten. Die Frankfurter Nachrichten urteilten damals: „Von den Bildhauern interessiert besonders der in Dahn lebende Künstler Richard Lenhard mit seinen amüsanten, derb und charaktervoll geschnittenen Holzskulpturen.“
Die ersten öffentlichen Aufträge folgten bald. Für das Gebäude der Kreishandwerkerschaft in Pirmasens schuf Lenhard neun Holzreliefs, für die Post in Dahn zwölf Türreliefs und drei Türtafeln für das Bürgermeisteramt. Mitte der dreißiger Jahre betraute man ihn und den Maler Rolf Müller, Landau mit der künstlerischen Gestaltung des neu errichteten Raiffeisenhauses in Dahn. Ein für damalige Verhältnisse recht ungewöhnlicher Auftrag. Für die Eingangstür schnitzte Lenhard Holzreliefs wie „Bienenkorb“, „Geisenjunge“, „Schäferszene“ und „Jungfernsprung“.
Einen Anspruch, der über das rein künstlerische hinausging hatte Lenhard – anders als der Enkel – nie. Er hat sich niemals zeit- oder sozialkritisch eingesetzt, wollte nichts erklären oder bewirken, sondern einfach nur darstellen.
So erklärt sich auch das oberste Türblatt des Alten Rathauses. Dargestellt war ein SA Mann, den Lenhard nach dem Krieg in einen Baum verwandelte. Mag Richard Lenhard auch ein völlig unpolitischer Mensch gewesen sein, so wirft es doch ein bezeichnendes Licht auf den Künstler, dass er den Nazis auf der gleichen Tür ein Motiv vom heiligen Martin unterschob. 
Obwohl er Mitte der dreißiger Jahre als Steinbildhauer zu arbeiten begann, blieben größere Aufträge aus. Bei der Ausschreibung um das Dahner Kriegerdenkmal 1934 beteiligte er sich nicht. Sein erstes größeres Werk war das Gefallenenehrenmal in Wilgartswiesen 1938. In einem anonymen Wettbewerb hatte er sich gegen so anerkannte Leute wie Theobald Hauck und Karl Emanuel durchgesetzt.
Zahlreiche Aufträge erhielt Lenhard nach dem Krieg. Auch nach 1945 gab es in Deutschland wieder einen „Ehrenmalboom“. Lenhards „Brotkunst“ war erneut gefragt. Doch die Geisteshaltung der Menschen zu diesem Thema hatte sich geändert. Trauer, der Wunsch nach Frieden und die Antworten des christlichen Glaubens auf Sterben und Tod hatten die Oberhand gewonnen über ein Denken, das „Vaterland, Mutterstolz und Blutopfer für ein gewaltiges Drittes Reich“ zum Kernstück des Lebens gemacht hatte.
Nach dem Krieg schuf Lenhard Gedenkmale in Oberotterbach, Busenberg, Hermersberg, Barbelroth, Frankweiler, Göcklingen und Vorderweidenthal.
lenhard-dahn
  lenhard-hochstein
 
 
Lenhart bevorzugte den heimischen roten oder gelben Sandstein. Aber er versuchte sich auch in anderen Materialien, so wagte er sich mit dem Bronze-Michael von Hermersberg in den Metallbereich, für die Verbandsschule in Gossersweiler modellierte Lenhart Figuren und Landschaft aus Beton, bei den Berufsdarstellungen am Gymnasium in Bad Bergzabern verwendete er Schiefer.
1948-50 schuf er am Aufgang der katholischen Kirche ein Sandsteinrelief  des Kirchenpatrons St. Laurentius. 1952 entstand der Michaelsaltar  an der Ostwand der Michaeliskapelle auf dem Hochstein. 1957 beendete Lenhard die Arbeiten am Dahner Elwetritsche Brunnen. Dem ersten in der Pfalz überhaupt. Mitte der fünfziger Jahre entdeckte Lenhard das Thema „Pieta“ für sich, dass ihn bis an sein Lebensende faszinierte.
Sein quantitativ wohl größtes Werk ist die „Weiße Madonna“ von Fischbach.  Drei Hohlkörper wurden mit Hilfe eines Hubschraubers auf dem Hinzenfelsen aufeinandermontiert und mit Beton ausgegossen, dann wurde das Kopfstück aus Vollbeton aufgesetzt.
Richard Lenhard malte mit Vorliebe die Landschaft seiner Heimat. Immer wieder wählte er das Hochsteinmassiv als Motiv. Zu seinen besonderen Stärken gehörte zweifellos das Porträt. Mit raschen Strichen erfasste Lenhard das Charakteristische eines Menschen, verstand es dabei, das Innere sichtbar zu machen. In manchen seiner Porträtskizzen geht sein pfälzischer Humor mit ihm durch, immer dann, wenn er das Wesentliche zu sehr karikiert.
Das Leben und Werk des ersten akademisch bebildeten Dahner Künstlers ist in  ausführlicher und liebenswerter Weise in dem Buch „Richard Lenhard“ von Karl Kissel beschrieben, das die Galerie N 1986 anlässlich ihres Umzuges ins Alte Rathaus und einer damit verbundenen Richard-Lenhard-Ausstellung herausgegeben hat.

dahnilo