Der heilige Pirminius

Der heilige Pirminius 
und das Kirchlein der ‚Thanner’  
eine Erzählung von Lilo Hagen
Unbarmherzig fegt der Wind um die Ecken des zwischen Speyer und Metz gelegenen Klosters Hornbach. Mit Macht kündigt er die ersten Herbststürme an.
Vor dem mächtigen Kamin der großen Halle haben sich die Klosterbrüder um ihren Abt, den Bischof Pirminius, versammelt. In sich gekehrt lauschen sie der immer noch kräftigen, wohlklingenden Stimme des alten Mannes, der aus dem heiligen Buch vorliest.
„Hört her, ihr Ältesten,
horcht alle auf, ihr Bewohner des Landes!
Ist so etwas jemals geschehen
In euren Tagen oder in den Tagen eurer Väter?
Erzählt euren Kindern davon
Und eure Kinder sollen es ihren Kindern erzählen
Und deren Kinder dem folgenden Geschlecht“,
sagt Pirminius. Das helle Feuer in dem mächtigen Kamin knistert leise, in der sich vor dem prasselnden Kamin die Klosterbrüder um den Bischof Pirminius versammelt haben. Die Fenster sind mit dicken Fellen abgehängt und verwehren dem unfreundlichen Herbstwind den Zutritt.
Da meldet der Bruder Hausverwalter späte Gäste. Bischof Bonifatius warte mit einigen Begleitern vor dem Tor und bitte um Aufnahme, sagt er. Aufgeregt springt Pirminius auf, völlig vergessend, dass er längst Abt und Bischof ist, von dem man eine gewisse Würde erwarten darf. Sein Gesicht strahlt in heller Vorfreude. „Hinein mit Ihm“, ruft er aufgeregt und weist den Impresario an, den späten Gast hineinzubitten. Schon kurze Zeit später erscheint unter dem Bogen der Eingangshalle eine schmale fast schon gebrechlich wirkende Gestalt. Mit müder Bewegung schiebt der Besucher die Kapuze seiner Mönchskutte von dem schlohweißen Haar und lässt seinen Blick in die Runde schweifen. Als die gütigen, blauen Augen auf die hohe Gestalt des Bischofs Pirminius fallen, geht ein Strahlen über das wettergegerbte, zerfurchte Gesicht.  Mit schnellen, geschmeidigen Schritten, die sein schwächliches Äußere Lügen straft, geht er auf Pirminius zu. Herzlich umarmen sich die beiden alten Männer. Es verbindet sie weit mehr als die gemeinsame Zugehörigkeit zum Orden des heiligen Benedikt von Nursia. 
„Mein Freund, wie lange ist es her, dass wir uns zuletzt sahen?“, fragte Pirminius ungläubig und streichelte den Arm des Besuchers, so als könne er es noch gar nicht glauben, den geliebten Freund wieder an seiner Seite zu sehen. Beide haben einen langen Weg zurück gelegt, der bestimmt war von ihrem Kampf um die Verkündigung des rechten Glaubens und dem Bestreben um eine einheitliche Kirche.
Bis tief in die Nacht sitzen die beiden alten Männer vor dem ersterbenden Feuer im Kamin.  Rücksichtsvoll haben sich die Brüder des Klosters in ihre Zellen zurückgezogen, so dass die beiden Freunde sich ungestört ihren Erinnerungen hingeben können.
Schonungslos berichtet Bonifatius von den Schwierigkeiten, mit denen er auf seiner Missionsreisen immer wieder zu kämpfen hat. Dabei ist es weniger der Kampf um das Seelenheil der Heiden, der ihn mürbe macht. Was ihm auf Dauer zusetzte war nicht die Härte der ersten Jahre in dem fremden, wilden Land, nicht die einsamen Nächte in den Wäldern, in denen Gefahr vor Wölfen und Bären drohte. Nein, erbittert ist er von dem Netz der Quertreiber und der Intriganten, die mit immer neuen politischen Winkelzügen versuchen, sich mit dem neuen Glauben vor allem eines zu sichern: die Macht.
„All diese fränkischen und burgundischen Bischöfe, die wie weltliche Herren leben, sind mir ein Gräuel. Seit die Bistümer und großen Abteien mit Ländereien, mit Zinsrechten und mit Leuten ausgestattet sind, hat sich der ständig Fehde suchende Adel der Franken darauf gestürzt wie ein Fliegenschwarm auf den Honigtopf. Jetzt behaupten sie, Bischofssitze und andere kirchliche Würden seien ihnen ein von Gott gegebenes Recht. Dabei geht es nur um die Sicherung ihres Einfluss und die Mehrung ihres Grundbesitzes“, sagt Bonifatius.
„Doch seit Karlmann sich entschlossen hat, alle weltliche Macht in die Hände seines Bruders zu legen und sich in das von ihm gestiftete Kloster auf dem Berge Soracte bei Rom zurückgezogen hat, steht einer einheitlichen nordischen Kirche nichts mehr im Wege. Auch Pippin zeigte sich von Anfang an den kirchlichen Ansprüchen geneigt“, sagt Pirminius.
Bonifatius lacht fast höhnisch auf. „Pippin sieht es nicht gerne, dass seine fränkischen Bischöfe ihre Anweisungen aus Rom erhalten. Aber er lässt sie gewähren. Als die Franken ihn vor wenigen Wochen in Soissons zum König wählten und auf den Schild hoben, da habe ich ihn nach biblischem Vorbild zum König gesalbt. Die Karolinger, die Hausmeier der Merowinger stellen nun den König. Mit Hilfe der Kirche ist es Pippin gelungen, die ausschließliche Geltung des Geblütsrechts zu überwinden“, sagt Bonifatius.
Pirminius versinkt in nachdenkliches Schweigen. „Die Kirche darf sich nicht zum Werkzeug weltlicher Machtgelüste machen lassen. Dein Bericht sagt mir, dass wir das Ziel aus den Augen verloren haben.“ Beide starren in die Glut des verlöschenden Feuers.
„Darum mein Freund habe ich mich entschlossen, noch einmal zu den Friesen zu gehen. Ich bin wieder am Anfang angelangt, mein Bruder. Denn was nützt es, wenn in den stillen Klausen unserer Klöster gelehrte Bücher geschrieben werden und niemand da ist, der diese Botschaft zu den Menschen trägt. Ich weiß wohl, dass ich kein Heidenbekehrer bin wie du, wie Gallus oder Columban, aber Gott hat mir die Kraft und die Fähigkeit gegeben Ungeordnetes zu ordnen. Das ist, soweit es mir möglich war gelungen. Mein Ziel war immer, die neu entstehende Christenheit zu einer großen Gemeinschaft zu vereinen. Einer Gemeinschaft, in welcher der eine den anderen ergänzt und niemand den Zusammenhang mit dem lebendigen Leib der Kirche verliert.“, sagt Bonifatius. „Bevor ich jedoch zu meiner wohl letzten Reise aufbreche, wollte ich mich von dir verabschieden. Es ist gut, dass du, mein nimmer rastender Glaubensbote, nach deinem bewegten Wanderleben endlich Ruhe gefunden hast in diesem Kloster. “
„Ach, mein Freund, es gäbe noch so viel zu tun, doch die alten Glieder wollen nicht mehr so. So viele Kirchlein wollte ich noch bauen, so viele Klöster gründen – doch meine Tage sind gezählt“, sagt Pirminius, der vorne übergebeugt, die Arme auf die Knie gestützt, in seinem reich verzierten, mit Lammfellen belegten Holzstuhl sitzt.
Auf meinem Weg hierher begegneten mir in einem Tal, das von riesigen bizarren Felsen eingekesselt ist, zwei Benediktiner, die sich mit einem Trupp freier Bauern herumschlugen. Sie erzählten mir, dass sie schon seit Monaten versuchen, im Schatten einer dieser Felsen, den sie den Hochstein nennen, ein Kapellchen zu bauen“, wechselt Bonifarius das Thema.
„Ach meine Thanner“, antwortet Pirminius und seine Augen blitzen schelmisch auf. „Es ist mir unbegreiflich. So oft habe ich das Tälchen beschritten auf meinem Weg zu Bruder Ignatius, dem alten Einsiedler, der oben auf dem Berg über dem Dorfchen am Bärenbach haust. Der Bruder Ignatius! Ich glaube, der ist so alt, wie wir beide zusammen“, sagt der alte Abt lächelnd. „Sie stehen unter der Führung eines einst sehr mächtigen Gaugrafen, der um nichts in der Welt den alten Göttern abschwören will. Selbst die Gründung des Klosters in Weißenburg, das nun auch schon über einhundert Jahre her ist, und die Nähe des Klosters Klingenmünster hat die verstockten Herzen derer vom Thann – wie sie sich selber nennen – nicht öffnen können“, erzählt Pirminius, der in Gedanken noch einmal an dem leise plätschernden Bach, der sich durch das idyllische Tälchen windet, entlang schreitet. 
Die beiden Benediktiner, die du getroffen hast, kommen hier aus dem Kloster Hornbach. Zwar haben sie mit ihrem Wissen und ihren Heilkünsten das Vertrauen der Menschen gewinnen können, doch nichts auf der Welt scheint sie bewegen zu können, dem heiligen Donar abzuschwören. Ja, ja, es ist ein mächtiges Kreuz mit meinen Thannern“, erzählt er. „Ich denke, ich werde es nicht mehr erleben, dass hier ein Kirchlein aus dem Boden wächst“, sagt er traurig.
„Wenig Vertrauen hast Du in den Herrn, mein Bruder“, sagte Bonifatius, der ein Stück Brot in die vor ihm stehende, längst erkaltete Milch tunkt. „Als wir vor drei Tagen das Thanner Tal verließen, stand oben unter dem Felsen, den sie den Hochstein nennen, ein herrliches, blitzsauberes Kapellchen und selbst ein Glöcklein, das deine beiden Benediktiner mitgebracht  und seit ihrer Ankunft wie ein Augapfel gehütet haben, konnten wir aufhängen“, erzählt er lachend.
„Was sagst Du da, mein Freund? Du willst mir erzählen, die Thanner haben sich endlich ein Kirchlein bauen lassen? Wie oft habe ich dort Station gemacht, doch alles Reden, alles Bitten, alles Beten war vergebens“, ruft er freudestrahlend.
"Das Reden und das Bitten und das Beten ist niemals vergebens. Drei Wochen haben wir auf dem hohen Berg gearbeitet, Bäume gefällt und Balken daraus gemacht und am Ende haben wir das Kapellchen dem heiligen Michael geweiht. Mir schien, dass der deinen Thannern am nächsten steht“, sagt Bonifatius lachend. „Nun ist das Glöckchen zu den Gebetsstunden in dem ganzen idyllische Tal zu hören. Wie ein Lächeln schmiegt es sich in das Gesicht der nicht immer einladenden Landschaft – der Friede Gottes hat auch in den Herzen der Thanner eine Stätte gefunden“, sagt der alte Mann, dessen Reise noch lange nicht zu Ende ist.
"Mein Freund, nichts mehr sollte mich fortbringen aus den Wänden meines geliebten Klosters Hornbach, doch schon morgen werde ich mich auf den Weg machen zu Bruder Ignatius und dabei das neue Kapellchen in Augenschein nehmen. Eine schönere Nachricht hättest Du mir auf meine alten Tage gar nicht bringen können“, sagt Pirminius und ein jugendliches, der hohen und würdevollen Gestalt des alten Mannes völlig unangepasstes Grinsen erhellt das faltige, alte Gesicht. 
 
Ein paar Fakten: Pirminius, der im süddeutschen Raum zahlreiche Klöster gründete, zuletzt, 742 das Kloster Hornbach bei Pirmasens, starb am 3. November 753. Der Heilige ist Hauptpatron der Rheinpfalz, wo auch der Name der Stadt Pirmasens, die er gegründet hat, an ihn erinnert. Bonifatius, der Bischof der Germanen, der sich hochbetagt als Achtzigjähriger noch einmal auf Missionsreise begab, wurde 754 in Ostfriesland ermordet. Er soll die erste St. Michaelskapelle unter dem Hochstein erbaut haben. Ob die beiden Männer, die dem Orden des heiligen Benedikt von Nursia angehörten, befreundet waren, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist, dass Bonifatius Pirminius im Kloster Hornbach besucht hat. 
 
Wandern auf den Spuren des heiligen Pirminius
dahnilo